Ehrenamt baut Brücken – ein Berliner Projekt eröffnet neue Wege der Teilhabe

Im Olaf-Palme-Zentrum (Wedding) fand am die Abschlussveranstaltung des Projekts „Mehr Teilhabe in der Stadtgesellschaft“ statt. Rund 70 Gäste kamen zusammen – darunter Teilnehmende, Projektpartner, ehrenamtlich Engagierte sowie Vertreterinnen und Vertreter aus Politik und Zivilgesellschaft.
mth abs

Das vom Berliner Senat für Kultur und Gesellschaftlichen Zusammenhalt geförderte Projekt „Mehr Teilhabe in der Stadtgesellschaft – Vermittlung von Handlungskompetenzen an Ehrenamtliche von Migrantenselbstorganisationen auf kommunaler Ebene“ verfolgte das Ziel, Menschen mit Migrationsgeschichte in ihrer gesellschaftlichen, politischen und medialen Teilhabe zu stärken. Vermittelt wurden grundlegende Kenntnisse über politische, kulturelle, pädagogische, rechtliche und mediale Strukturen in Deutschland – mit dem Anspruch, ehrenamtliches Engagement wirksam, reflektiert und nachhaltig zu unterstützen.

Hohe Beteiligung, klare Ergebnisse

Insgesamt nahmen 161 Personen an den Angeboten teil, 101 von ihnen waren registriert. Die Auswertung von 100 Feedbackbögen zeigt eine hohe Zufriedenheit: 96 Prozent bewerteten Konzeption, Struktur und Verständlichkeit der Inhalte positiv, 98 Prozent lobten die offene Atmosphäre und die Möglichkeit zur aktiven Beteiligung. Die wahrgenommene Kompetenzsteigerung lag bei 77 Prozent, die Gesamtnote bei 88,5 Prozent.

Projektleiter Süleyman Bağ zeigte sich mit den Ergebnissen zufrieden – auch vor dem Hintergrund schwieriger Rahmenbedingungen. „Wir waren zeitweise mit existenziellen Herausforderungen konfrontiert“, sagte Bağ. „Ab Mai 2025 verfügte der Trägerverein Kubik e.V. über keine eigenen Räumlichkeiten mehr. Nach den Sommerferien starteten die Migrantenselbstorganisationen parallel eine Spendenkampagne, um einen neuen Vereinssitz zu erwerben. Dass das Projekt unter diesen Bedingungen erfolgreich umgesetzt werden konnte, spricht für das Engagement aller Beteiligten.“

whatsapp image 2026 01 25 at 21.22.46
Stimmen aus dem Projekt

Doch Zahlen allein erzählen nur einen Teil der Geschichte. In den offenen Rückmeldungen berichteten Teilnehmende von neuen Perspektiven, wachsender Handlungssicherheit und dem Gefühl, erstmals wirklich gehört zu werden. Der Kursteilnehmer Kadir Bölen sagte: „Ich dachte lange, Ehrenamt – Gönüllülük – gebe es nur in der türkischen Kultur. In diesem einen Jahr habe ich mehr über Deutschland gelernt als in den sieben Jahren zuvor.“ Bölen lebt seit 2018 im Wedding.

Ehrenamt sichtbar machen – auch im öffentlichen Raum

Ein zentrales Anliegen des Projekts war es, ehrenamtliches Engagement in der muslimischen und migrantischen Community aus der Unsichtbarkeit zu holen. Das geschah nicht nur in Seminarräumen, sondern auch im öffentlichen Raum. Teilnehmende engagierten sich beim World Clean Day im Kiez, gestalteten Lesungen und kulturelle Formate, brachten sich in die Muslimische Kulturwoche ein und beteiligten sich an interreligiösen Dialogveranstaltungen.

Einen wichtigen Beitrag dazu leistete auch der Medienpartner des Projekts, das Brunnenmagazin. Das Magazin berichtete regelmäßig über das Projekt und brachte zudem eine Sonderausgabe zum Thema Ehrenamt heraus. Die Chefredakteurin Dominique Hensel betonte die kulturübergreifende Bedeutung der gemeinsamen journalistischen Arbeit:
„In der Ausgabe haben wir Artikel von Projektteilnehmenden und unseren Bürgerredakteurinnen und -redakteuren veröffentlicht. Sie gibt Einblicke, wie Ehrenamt im kulturellen Kontext unterschiedlich wahrgenommen und ausgeübt wird.“

whatsapp image 2026 01 25 at 21.22.46 (1)
Ausgangslage: Engagement ja – Zugang oft schwierig

Der Ausgangspunkt des Projekts war eine nüchterne Beobachtung: Viele Menschen mit Migrationsgeschichte engagieren sich seit Jahren in Vereinen, Initiativen und Nachbarschaften. Sie organisieren Nachhilfe, begleiten Geflüchtete, vermitteln zwischen Kulturen und halten soziale Netzwerke zusammen. Was ihnen jedoch häufig fehlt, sind Orientierung im institutionellen Gefüge der Stadt, Kenntnisse über Förderlogiken oder Zugänge zu Politik und Medien.

„Ehrenamt ist weder für Berliner Musliminnen und Muslime noch für Menschen mit Migrationserfahrung ein Randthema – und erst recht nicht für die Gesamtgesellschaft“, betonte Bağ. „Es ist eine tragende Säule unserer Demokratie. Viele Menschen übernehmen längst Verantwortung. Was oft fehlt, sind Anerkennung, Zugang und Räume. Genau hier hat dieses Projekt angesetzt.“

Würdigung und gesellschaftliche Bedeutung

Besondere Aufmerksamkeit erhielt die Abschlussveranstaltung durch die Teilnahme zweier Mitglieder des Berliner Abgeordnetenhauses: Maja Lasić (SPD) und Tuba Bozkurt (Bündnis 90/Die Grünen). Beide würdigten das Projekt als wichtigen Beitrag zum gesellschaftlichen Zusammenhalt in einer vielfältigen Stadt.
„Ehrenamt schafft Orte der Begegnung, wo staatliche Strukturen allein nicht ausreichen“, sagte Maja Lasić. „Gerade Projekte wie dieses zeigen, wie wichtig es ist, Engagement zu stärken, das Brücken baut – zwischen migrantischen Communities und der Mehrheitsgesellschaft.“ Lasić hob zudem die Bedeutung des Ehrenamts für politische Bildung und Teilhabe hervor.
Auch Tuba Bozkurt betonte den demokratischen Wert freiwilligen Engagements:
„Ehrenamt bedeutet Teilhabe im besten Sinne. Menschen bringen sich ein, übernehmen Verantwortung und gestalten ihre Stadt aktiv mit. Migrantenselbstorganisationen sind dabei unverzichtbare Partner für eine offene, solidarische Stadtgesellschaft.“

Ausblick: Fortsetzung angestrebt

Wie es weitergeht, ist noch offen. Ein Folgeantrag für 2026 wurde gestellt. Der zuständige Senat bestätigte, dass die Projektidee den Förderinteressen entspricht, verwies jedoch auf begrenzte Haushaltsmittel im ersten Halbjahr. Für das zweite Halbjahr 2026 wurden zusätzliche Mittel in Aussicht gestellt. Eine Entscheidung wird Ende des zweiten Quartals erwartet – der Antrag bleibt bis dahin aufrechterhalten.

Teile deine Liebe